Das Schwarz - Die Nacht, in der die Hexen ihr Unwesen treiben: Die schwarze Farbe repräsentiert die Dunkelheit, die mystische und geheimnisvolle Zeit, in der die Hexe in der Legende angeblich das Dorf heimsucht. Die Nacht ist die Zeit, in der Magie und Hexerei oft eine besondere Rolle spielen.
In einem malerischen Dorf namens Dachtel, das von dichten Wäldern und hügeligem Land umgeben war, lebte vor vielen Jahren eine alte bucklige Frau. Die Bewohner des Dorfes betrachteten sie mit Misstrauen und nannten sie die "Dachtler Huzler Hexe". Ihr Ruf war nicht der beste, und die Gerüchte über ihre magischen Fähigkeiten und finsteren Praktiken verbreiteten sich wie ein Lauffeuer.
Eines Tages wurde die Ablehnung der Dorfbewohner zu viel für sie. Sie wurde aus Dachtel vertrieben, obwohl sie ihre Heimat nie wirklich verlassen wollte. Ihr Herz hing an den Wäldern und Hügeln, die sie ihr ganzes Leben gekannt hatte. So zog sie in den Huzler, ein abgelegenes Waldgebiet außerhalb des Dorfes, und baute sich ein kleines Holzhaus. Dort verbrachte sie ihre Tage, allein und von der Welt isoliert.
Die kalten Winter im Huzler konnten brutal sein, aber die "Dachtler Huzler Hexe" fand einen Weg, sich warm zu halten. Die Füchse des Waldes waren ihre ständigen Begleiter und spendeten ihr Trost. Sie nutzte ihre magischen Fähigkeiten, um die Tiere um sich zu scharen und gewann ihr Vertrauen. In den Wintern, in denen der Schnee meterhoch lag, wärmten Fuchsfelle ihr Bett und hielten sie vor der Kälte geschützt.
Jahre vergingen, und sie lebte weiterhin in ihrem kleinen Holzhaus im Huzler. Sie sammelte Kräuter und heilte gelegentlich kranke Tiere und sogar Dorfbewohner, die heimlich zu ihr kamen, um ihre Hilfe zu erbitten. Dennoch blieb sie für die meisten Menschen die "Huzler Hexe" und wurde gemieden.
An einem einsamen Aschermittwoch verstarb sie, ohne dass jemand davon erfuhr. Die Füchse des Waldes heulten in der Nacht, als würden sie Abschied von einer alten Freundin nehmen.
Aber nach ihrem Tod begannen seltsame Dinge in Dachtel zu geschehen. Jedes Jahr während der Fasnet, wenn die Dorfbewohner die Fastnacht feierten, hörte man geisterhafte Geräusche im Dorf. Gegenstände bewegten sich von selbst, Schatten huschten durch die Gassen, und unerklärliche Lichter flackerten in den Fenstern verlassener Gebäude. Die Menschen behaupteten, die "alde Huzler Hex'" sei zurückgekehrt, um sich zu rächen.
In Dachtel munkelte man, dass die alte Hexe in der Fasnetzeit das Dorf heimsuchte, um Vergeltung an den Bewohnern für die Taten zu üben, die ihr einst angetan worden waren. Die Dorfbewohner wurden zunehmend ängstlich und trauten sich kaum aus ihren Häusern.
Die Geschichte der "Dachtler Huzler Hexe" wurde von Generation zu Generation weitergegeben und wurde zu einem festen Bestandteil der Folklore von Dachtel. Selbst wenn die Menschen nicht mehr sicher waren, ob die Geschichte wahr war oder nicht, wagte niemand, die Geister der Fasnet zu verärgern, und die Legende der Hexe lebte weiter, jedes Jahr zu dieser geheimnisvollen Zeit.
Viele Jahre lang fürchteten sich die Menschen in Dachtel vor der Fasnet. Kaum begannen die Narrenrufe durch die Gassen zu hallen, verriegelten die Dorfbewohner Fenster und Türen. Man wollte der „alde Huzler Hex’“ nicht begegnen.
Doch eines Jahres geschah etwas Neues.
In der Nacht vor dem Schmotzigen Donnerstag sah ein Hirtenjunge am Waldrand eine Gestalt stehen. Groß, hager, in einen alten, dunklen Mantel gehüllt. Sein Gesicht war schmal wie aus Holz geschnitzt,
die Augen hell wie Raureif im Mondlicht. Er sagte kein Wort, sondern stand einfach da – zwischen Dorf und Wald.
Am nächsten Morgen erzählte der Junge von dem Fremden.
„Des isch s’Huzler Male“, murmelten die Alten. „Der Wächter vom Wald.“
Niemand wusste genau, wer oder was das Huzler Male war. Manche sagten, es sei ein Geist. Andere meinten, es sei einst ein Mann gewesen, der der Hexe geholfen hatte, als sie noch lebte. Wieder andere
flüsterten, die Hexe habe ihn nach ihrem Tod aus Wurzeln, Nebel und Erinnerungen geformt – als Beschützer des Huzlers.
Fest stand nur: Seit das Huzler Male am Waldrand erschien, wurden die Spukereien anders.
Die Türen knarrten nicht mehr bedrohlich, sondern schlossen sich von selbst, wenn ein Sturm aufzog. Verlorene Gegenstände tauchten wieder auf. Einmal fand eine Bäuerin ihr krankes Kind morgens
fieberfrei vor – auf der Fensterbank lag ein Büschel getrockneter Kräuter, genau jene, die die Hexe früher gesammelt hatte.
Und dann war da noch der Huzler Fuchs.
Er war größer als gewöhnliche Füchse, mit einem Fell in warmen Rot- und Kupfertönen, durchzogen von hellen, fast weißen Partien an Schnauze und Brust. Über Augen und Stirn lagen dunklere
Schattierungen, die ihm einen wachen, beinahe listig wirkenden Ausdruck gaben. Seine Augen funkelten klug und wach.
Immer wieder sah man ihn während der Fasnet durchs Dorf streifen – lautlos, neugierig, niemals scheu.
Er setzte sich auf Dorfbrunnen, tauchte in Hauseingängen auf, beobachtete die Menschen mit schiefgelegtem Kopf. Und wo er auftauchte, geschah nie etwas Böses.
Denn der Fuchs war nicht einfach nur ein schlaues Tier. Für Dachtel war er Symbol und Zeichen zugleich: wachsam, schnell im Kopf, schwer zu fassen – und immer einen Schritt voraus. Genau so, wie es
sich für eine echte Narrenfigur gehört.
Der Huzler Fuchs stand für Witz, List und den Mut, auch mal gegen den Strom zu laufen – aber nie bösartig, sondern mit einem Augenzwinkern.
Einer, der auf seine eigene Art hilft. Einer, der die Menschen eher zum Nachdenken bringt, als ihnen alles abzunehmen.
Einmal stolperte ein betrunkener Narr nachts auf dem Heimweg in den Dorfteich. Bevor jemand seinen Sturz hörte, bellte der Fuchs so laut und
schrill, dass die Anwohner aufwachten. Der Mann wurde gerettet. Am nächsten Morgen fand man am Ufer nur Fuchsspuren im gefrorenen Schlamm.
Langsam begriffen die Menschen von Dachtel etwas, das sie all die Jahre falsch verstanden hatten.
Die Hexe war nicht zurückgekehrt, um sich zu rächen.
Sie hatte nie Rache gewollt.
Der Spuk in der Fasnet war eine Erinnerung. Ein Klopfen aus der Anderswelt. Ein „Ich bin noch da“ von jemandem, der einst verstoßen wurde –
und trotzdem weiter über Dorf und Wald wachte.
Das Huzler Male stand jede Fasnetnacht am Waldrand, still wie ein Grenzstein zwischen den Welten.
Der Huzler Fuchs zog seine Kreise durch die Gassen wie ein lebendiger Funke aus der alten Magie.
Und wenn in besonders kalten Nächten der Wind durch Dachtel strich, konnte man draußen im Huzler manchmal drei Schatten im Mondlicht sehen:
Eine kleine, bucklige Gestalt,
einen hohen, stillen Mann,
und einen Fuchs mit leuchtendem Fell.
Seitdem sagen die Alten nicht mehr:
„Pass auf, sonst holt di d’Huzler Hex!“
Sondern leise, fast ehrfürchtig:
„Sei gscheit. Der Huzler passt auf.“